Who the fuck are you?

Ich habe lange überlegt, wie ich diesen ziemlich persönlichen Bereich beginnen soll. Aber was bietet sich besser an, als eine Vorstellung meiner Person? Wahrscheinlich nur ein Erlebnisbericht über meinen Flug zum Mond. Da dieser jedoch (noch) nicht stattgefunden hat, belasse ich es bei einer kurzen Biographie.

Womit fange ich also an? Am besten mit meiner Geburt. Das ganze Vorgeplänkel kann man in jeder besseren Videothek im Ab18-Bereich auf DVD ausleihen. HALT! Nein, Eltern tun sowas nicht! Geboren wurde ich jedenfalls am 20. Februar 1984 im tiefen Sibirien, also in der Sowjetunion. Damals noch das Reich des Bösen, heute das Reich des Bösen mit unerschlossenen Märkten für internationale Unternehmen, also im Endeffekt doch das Reich des Guten.

Als erstes lernte ich Gehen, Sprechen und Schneemänner bauen. Die Reihenfolge ist beliebig austauschbar, da ich all diese Fähigkeiten an ein und dem selben Tag, nämlich dem 21. Februar, erlernt habe. Irgendwann kamen noch mit Kugelschreiber auf Papier Kritzeln, noch größere Schneemänner bauen und Ski-Laufen, weitere Fähigkeiten hinzu. Letzteres musste ich mir jedoch jedes Jahr von neuem aneignen, obwohl man eigentlich meinen sollte, dass es nichts anderes als Fahrradfahren ist ... nur eben im Winter ... ohne Räder, Sattel und Bremsen ... dafür aber mit Holzpedalen an den Füßen und zwei Langgezogenen Lenkern in den Händen. Verstehe einer diese Welt. Jedenfalls habe ich dort "drüben" Kindergarten, Schule und Judoverein besucht und mit der Zeit meine künstlerische Ader entdeckt. Meine Eltern hätten mich gerne an einer Kunstschule für Jugendliche oder einer anderen talentfördernden Einrichtung gesehen, ich sagte aber "Njet" (egal, ob man das Wort mit oder ohne "j" schreibt, Nichtrussen sprechen es trotzdem immer falsch aus) und lungerte stattdessen auf der Straße rum, um mich mit so sinnvollen Fragen wie "Was passiert eigentlich wenn man eine mit Wasser gefüllte Plastiktüte aus der siebten Etage wirft?" zu beschäftigen.

1995 haben meine Eltern den Entschluß gefasst, den Verwandten mütterlicherseits zu folgen und in die BRD über zu siedeln. Auch hier folgten Schule und Judoverein, denn im Kindergarten wollte man mich komischerweise nicht mehr haben. 1996 sind wir dann nach Celle, welches übrigens den Titel der schönsten Stadt Deutschlands für sich beanspruchen darf, gezogen. Hier blieb mir nur noch die Schule, denn ich habe beschlossen als ungeschlagener Champion (hohoho, in meinen Kindertagen habe ich mir bei einem Wettbewerb sogar mal eine Goldmedallie erkämpft) abzutreten und keinen Verein mehr mit meiner Mitgleidschaft zu strafen. Dann kam lange nichts Aufregendes, den 11. September mal aussen vor gelassen, bis es irgendwann mal auch mit der Schule zu Ende ging. Nach dem Abitur, kam der Abiumzug, der Abiball und ein paar Tage später fand ich mich in einer Bundeswehrkaserne wieder.

'Endlich wieder Mitglied in einem Sportverein!' war mein erster Gedanke. Und man musste noch nicht einmal Mitgliedsbeiträge zahlen. Ganz im Gegenteil, der Fleiß, Schweiß und das Aufsagen von Gedichten mit solchen poetischen Namen wie "Der Soldat und wie er seinem Vorgesetzten die abgeschlossene Stuben-, und Revierreinigung meldet", oder "Meldung in dientslicher Angelegenheit", wurden sogar fürstlich entlohnt und so gab es mit dem Beitritt zur Bundeswehr auch wieder etwas Futter für mein Portemonnaie und die deutsche Wirtschaft. Meine erste Anschaffung war nämlich eine Digicam (näheres im About-Bereich unter "Über die Fotos") und so konnte ich mich endlich meiner geheimen Leidenschaft, der Photographie zuwenden.

Nun, ich bin immer noch dabei. Meine Tätigkeit ist so geheim, dass ich Euch alle umbringen müsste, wenn ich sie hier verraten würde. Da mir dies jedoch aufgrund von fehlender Zeit und Motivation im Moment nicht möglich ist, behalte ich sie für mich. 2006 wird meine Dienstzeit zu Ende gehen und ich kann dann voller Stolz auf 20 Monate voller Disziplin, aufregender Erlebnisse und Steuergeldverschwendung zurückblicken. Die Steuergeldverschwendung wird damit jedoch nicht aufhören, denn mein nächstes Ziel steht schon fest: Ich werde Student!

Im Grunde war es das auch schon. Viel weiter bin ich in meinem Leben noch nicht gekommen. Als kleiner Überblick über meine Person sollte dies jedoch ausreichen.

Die (k)alte Schule Sibiriens

Sibirien, meine Heimat. Die meißten kennen es als den Ort an dem jede zweite Einrichtung ein Gulag ist, die Menschen, welche entweder Bewacher oder Insassen der Gulags sind, allesamt dem Alkohol verfallen sind und an dem es sogar im Sommer schneit. Das stimmt nicht ganz, denn ausgerechnet dort gibt es im Sommer keinen Schnee.

Für viele der schrecklichste Ort auf Erden, für mich das Paradies an dem ich eine glückliche Kindheit verbracht und und jahrelang die Schule besucht habe (nein, das Eine schließt das Andere nicht aus). Nirgendwo sonst gibt es so extreme Temperaturunterschiede. Im Winter klirrende Kälte, im Sommer afrikanische Hitze. Für Erwachsene mag der strenge Winter vielleicht nur noch lästig gewesen sein, für uns Jugendliche war es ein Segen. Denn das Klima hatte natürlich auch Auswirkungen auf den Schulalltag. Jeden Morgen an dem es etwas mehr geschneit hat, oder der Wind etwas stärker blies, saß man vor dem Radio und lauschte gespannt den Durchsagen einer Frauenstimme, welche mit etwas Glück verkündete, dass für alle Schüler bis zur 6. Klasse der Unterricht ausfällt. Je nachdem wie stark der Wind oder der Schneefall war, erhöhte sich auch die Wahrscheinlichkeit, dass auch höhere Klassen vom Unterricht befreit wurden. Oberstufenschüler hatten da schlechte Karten, denn bei denen fiel der Unterricht am seltensten aus. Dafür freuten sie sich umso mehr, wenn sie auch sie ab und zu mal zu Hause bleiben durften. Wenn dies der Fall war, dann mussten meißtens auch noch nicht einmal deren Eltern zur Arbeit gehen, so widrig waren die Witterungsumstände.

Jeder der halbwegs Erfahrung im Schulschwänzen hatte, hat das Radio danach sofort ausgemacht, denn es war gar nicht mal so unüblich, dass sich das Wetter kurzzeitig änderte, die dafür zuständigen Personen plötzlich meinten, jetzt könne man gefahrlos zur Schule gehen und die vorangegangene Meldung aufhoben. Gleichzeitig lohnte es sich auch, bis kurz vor Verlassen des Hauses vor dem Radio zu bleiben und zu lauschen ob nicht doch noch in letzter Sekunde schulfrei verkündet wurde. Und mit letzter Sekunde meine ich auch die letzte Sekunde. Mit etwas Pech, hat man die Durchsage nämlich nicht mehr mitbekommen, ging zur Schule und fand eine zu 60% leere Klasse vor. Die erschienenen 40% setzten sich gewöhnlich in etwa so zusammen: 7% deren Radio kaputt war, 3% die keines hatten, 12% haben den Fehler begangen zu früh das Haus zu verlassen und haben deswegen nicht mitbekommen, dass schulfrei ist, 8% haben die Schule beinahe verschlafen und sind deswegen möglichst schnell hingelaufen, ohne vorher die Radiodurchsagen zu hören. Die restlichen 10% waren Streber und andere Sonderlinge. Im Gegensatz zu den Schülern waren die Lehrer aber immer da, und so waren die erschienenen Seelen dem Untergang geweiht.

Mein Vorteil war, dass meine Schule sich fast sprichwörtlich vor der eigenen Haustür befand. Ich brauchte nur aus dem Haus zu gehen, eine Straße zu überqueren, um ein weiteres Haus herum zulaufen und schon war ich da. Zwei Minuten, mehr brauchte man nicht. Damit war ich natürlich geradezu prädestiniert bei JEDEM Wetter in der Schule erscheinen zu können, aber wie heißt es so schön? "Gleiches Recht für alle!" Und ich dulde einfach keine Ungerechtigkeit in meiner Umgebung. Wenn schon andere Schüler nicht die Schule besuchen können, dann zeige ich mich natürlich solidarisch. Diese Solidarität ging sogar soweit, dass ich an einem solcher Tage in der Schule angekommen, gleich zum schuleigenen Telefon ging und um mir die Wetterdurchsage anzuhören (eine der vielen Errungenschaften des sovjetischen Sozialismus war es, dass man wichtige Auskünfte wie die momentane Zeit oder das Wetter auch am Telefon abrufen konnte, eine weitere erlaubte es, zumindest im Norden des Landes, kostenlose Gespräche von öffentlichen Telefonen aus zu führen, und noch eine Errungenschaft war, dass diese öffentlichen Telefone nach und nach verschwanden). Wie es der Zufall so wollte, war es einer von den Tagen an denen erst ziemlich spät schulfrei verkündet wurde. 'Keine Bange Genossen, zusammen werden wir die schwere unterrichtsfreie Zeit schon durchstehen' dachte ich mir. Fünf Minuten später saß ich wieder glücklich und voller Stolz auf dem heimischen Sofa und habe ferngesehen.

Go west!

Elf Jahre meines Lebens habe ich in Sibirien verbracht. Ich habe es kommen sehen, aber nie daran geglaubt, doch irgendwann haben meine Eltern, zusammen mit meiner Tante und ihrer Familie, beschlossen dem süßen Duft des Geldes zu folgen und in die BRD überzusiedeln. "Go west!" lautete die Devise. Zur allgemeinen Überraschung hat man mich mitgenommen.

Mein erster Eindruck war 'Wie in den Amerika'. Ich war noch nie dort, aber die Sekte die auch als "Hollywoods Filmdindustrie" bekannt ist, hat ihre Fühler auch in das ehemalige Feindesland ausgestreckt, so dass jeder Durchschnittsrusse mittlerweile einen guten Eindruck vom Leben (und Sterben) in den USA hat. Normalerweise ist man anfangs glücklich, bis ein unvorhergesehener Unglücksfall, oft in Form eines Mordes, eintritt und das heile Leben kaputt macht. Nun heißt es hart bleiben, sich nicht unterkriegen lassen und den Killer suchen. Dieser ist übrigens immer der, den man am wenigsten verdächtigt ... oder der Gärtner. Hat man ihn erstmal am Sack, heißt es Rache nehmen (unbedingt darauf achten, dass der Schuldige einen möglichst grausamen Tod stirbt) und schon gibt es ein Happy-End. Im Grunde läuft es in den USA also genauso ab, wie in der restlichen Welt. Nur die Qualität der Kulissen ändert sich von Land zu Land. Die deutschen Häuser sahen zumindest genauso aus wie die in US-Filmen.

Am 1. Mai 1995 kamen wir also an, in diesem hochgelobten Land des Wohlstandes, immer voller Lebensmittelläden und des Arbeitslosengeldes. Als Allererstes wurden unsere Namen eingedeutscht, aus meinem schönen Jurij, wurde Jürgen, mein Bruder, ehemals Dmitrij, hieß jetzt plötzlich Dieter. Aus irgendeinem Grund wurden wir später in der Schule als Jürgen Klinsmann und Dieter Eilts bekannt. Aus Klinsmann ist immerhin der Trainer der deutschen Fußballmannschaft geworden, von Dieter Eilts hört man dagegen nichts mehr. Ist aber nicht schlimm, schließlich hätte man meinen Bruder auch mit Dieter Bohlen vergleich können. Da ist ihm ein in Versenkung verschwundener Fußballer wahrscheinlich lieber. Mein Vater (Vladimir) wurde nun zu Waldemar und Mutti (Rita) hieß ab jetzt ... na? Ihr würdet es nie erraten: Rita!

Nach Erledigung der ganzen Formalitäten bekamen wir eine vorübergehende Unterkunft zugewiesen. Zwei extra für Aussiedler errichtete Mehrfamilienhäuser, als "Notwohnung" bezeichnet, in einem Kaff namens Hankensbüttel (man stelle sich vor, der Ort hatte tatsächlich nur eine(!) einzige Ampel) waren jetzt unser neues Zuhause. Die herzliche Begrüßung blieb zunächst aus, folgte jedoch kurze Zeit später, nämlich am 9. Mai und zwar in Form von mehreren Autos die durch unsere Straße gerast sind und deren Insassen als Zeichen ihrer Gastfreundschaft, Hühnereier in Richtung unserer Häuser haben fliegen lassen. Der 9. Mai ist nämlich der sagenumwobene Tag an dem der 2. Weltkrieg in Europa zu Ende ging, für manche der Tag des Sieges, für andere der Tag der Niederlage, ganz seltsame Menschen bezeichnen ihn als die Stunde Null. Für alle ist es jedoch der Tag an dem man sich in tiefer Trauer um die Opfer des Krieges volllaufen lassen kann. Da auch wir diesen Tag würdevoll zu begehen wussten, fanden wir uns abends zusammen mit der Familie meiner Tante am feierlich gedeckten Esstisch wieder. Die Rühreier haben vorzüglich geschmeckt.

Fremdsprachen

Wäre alles in meiner Kindheit nach Plan verlaufen, hätte ich in meiner Schulzeit auch noch mehrere Sprachen gelernt. Mit Deutsch, Französich und Englisch habe ich es im Laufe der Jahre versucht. Bei der Deutschlehrerin hate ich den Eindruck, sie sei entweder sprachgestört, oder hätte sich die Sprache in Eigenregie beigebracht ohne jemals geprüft worden zu sein. Sie neigte dazu Isch statt Ich und Misch statt Mich zu sagen. Irgendwann habe ich festgestellt, dass dies in Deutschland gar nicht so unüblich ist und bin letztendlich zu der Erkenntnis gekommen, dass sie ihr Deutschstudium in der Türkei absolviert haben muss. Wobei ich von ihr komischerweise nie Sätze wie "Isch mach disch platt, alda!" gehört habe. Wenigstens habe ich bei ihr Lesen und Schreiben gelernt. Ersteres zum Glück ohne das ständige Zischen (an dieser Stelle ein Dank an meine Mutti).

Französisch war ein noch leidigeres Thema. Die Lehrerin war klasse, der Unterricht auch, aber ich war es nicht (die Entwicklung vom Musterschüler zum Störenfried mit an der Grenze zur Mittelmäßigkeit liegenden schulischen Leistungen, hat da schon eingesetzt). Gründe für meine schlechte Mitarbeit gab es mehrere. Zum einen machte mir die Aussprache zu schaffen. Statt einem rollenden, sollte ich plötzlich ein seltsames krächzendes "R" ausspucken. Also musste ich fleissig üben und habe es tatsächlich hinbekommen ... zumindest ein oder zwei Mal in der Woche. Den anderen Grund kann ich nicht genau benennen. Es gab jedes mal Hausaufgaben, jedes mal habe ich sie aufgeschrieben und mir vorgenommen mich nach der Schule darum zu kümmern und jedes Mal habe ich sie einfach nicht gemacht. Ich glaube ich habe es immer einfach nur vergessen. Ja, das wird es wohl sein. Jedenfalls sind es nur zwei französische Wörter, die ich behalten habe. Zum einen das Wort Rob, was angeblich soviel wie Rock (das Kleidungsstück, nicht die Musikrichtung) heißt. Das war mein lieblingswort um die R-Aussprache zu üben. Das andere war Oui, also das französische Ja. Wieso ausgerechnet Oui? Keine Ahnung, aber die meißten Menschen kennen schließlich auch Yes, Si und Da, ohne die jeweilige Sprache zu können. Wahrscheinlich wollen Sie damit nur andere Menschen beeindrucken. Als Beispiel US-Touristen in good old Germany:

(Nach langem Blättern im Wörterbuch) "Entschuldigung! Where kann ick finden the Toilette?"
'Oh, Sie können ja Deutsch! Gibts nicht oft bei Touristen'
"Ja"
'Gehen Sie einfach bei McDonalds da drüber rein, da gibt es eine.'
"Ja"
'Wo kommen Sie denn her?'
"Ja"
'Sie können gar kein deutsch, stimmts?'
"Ja"
usw usw.

Englisch war die dritte Fremdsprache an der ich mich versucht habe. Meine Eltern meinten nämlich, dass ich mit Englisch in Deutschland mehr anfangen könnte als mit Französisch. 'Wer weiß' dachte ich, 'vielleicht kann ich mit Hilfe der Kenntnisse ja auch mal versuchen den Hintergrundgeschichten der Konsolenspiele zu folgen, statt einfach nur alles platt zu machen'. Also fing ich an, Englisch zu lernen. Ein paar Wochen später saß ich im Flugzeug nach Deutschland. Wieso Donkey-Kong Super-Marios Freundin entführt hat, habe ich bis heute nicht rausfinden können.

Neulich bei Famila

Neulich war ich mit zwei ausländischen Kameraden unterwegs in Lüneburg. Es handelte sich um einen Major der moldavischen Streitkräfte, sowie einen Captain der US-Nationalgarde. Beide waren zwar nicht zum ersten Mal in Deutschland, jedoch genauso neugierig wie ein japanischer Tourist der zum ersten Mal Australien, den Pariser Eiffelturm oder ein Dixi-Klo besucht. Zusammen mit einem Oberleutnant haben wir uns also vorgenommen, den beiden Gästen etwas von der Deutschland zu zeigen. Da wir auf jeden Fall die ALDI-Filiale vom Vortag toppen wollten, wurde beschlossen Famila aufzusuchen.

Auf der Suche nach etwas typisch deutschem hat sich der Captain ein Neuner-Päckchen Jägermeisterfläschchen ausgesucht, womit er wohl auch die Neugier des moldavischen Kameraden geweckt hat. Dieser hat ihm nämlich die wertvollen Tränke, mit dem Vorwand sie nur anschauen zu wollen, aus der Hand genommen und sich partout geweigert diese zurück zu geben. Die Tatsache, dass beide sich untereinander kaum verständigen konnten hat der Major geschickt zum eigenen Vorteil nutzen können. Also beschloß der Captain nach etwas anderem Ausschau zu halten und widmete seine Aufmerksamkeit einer Packung Apfelschnaps. Die in einer Plastiktüte eingeschweißten Miniflaschen sahen aus wie Spielzeugartikel oder Süßigkeiten für Kinder, was Grund genug war um auf seiner Einkaufsliste zu landen. Hinzu kam noch eine Flasche Wein für den bevorstehenden Grillabend bei meinem Kompaniechef.

Auf dem Weg zur Kasse schlenderten wir an einem Stand für Geschirrspülmittel vorbei. Die etwa 60 Jahre alte, grauhaarige Mitarbeiterin, anscheinend sowohl geistig, als auch körperlich von ihrer Tätigkeit unterfordert (kein Wunder, wenn man als Professorin in Philosophie, Physik, Chemie und sicherlich auch anderen Wissenschaften plötzlich Haushaltsartikel an den Man bringen muss) und deswegen etwas gelangweilt, erblickte die Alkoholhaltigen Artikel in den Händen der ausländischen Gäste und wollte wohl mit der geistreichen Bemerkung "Natürlich, bei der Bundeswehr wird überhaupt nicht gesoffen ..." ihren hervorragenden Sinn für Ironie beweisen (habe ich schon erwähnt, dass diese Frau vermutlich in ihrer Freizeit und nur des Kitzels wegen, ehrenamtlich an deutschen Eliteunis promoviert?). Jedefalls machte sie mich etwas stutzig und setzte in meinem hochentwickelten Panzeraufklärergehirn einen komplexen Denkprozess in Gang. Die Berücksichtigung der Fakten und Einbeziehung der Äußerung ließen mich zu der Erkenntnis kommen, dass ich mich bei der Einschätzung dieser Person geirrt haben muss. Vermutlich sind es doch keine Eliteunis, sondern stinknormale Fachhochschulen (ohne diese auf irgendeine Art abwerten zu wollen ... naja, vielleicht doch ein bisschen) an denen die Professorin Vorlesungen hält. Denn:

Fazit: in Sichtweite von Miss Spülmittel befanden sich insgesamt nur drei Soldaten. Zwei von ihnen hatten alkoholhaltige Artikel in der Hand, wobei beide keine Angehörigen der Bundeswehr waren. Der dritte, nämlich meine Wenigkeit, war tatsächlich ein Bundeswehrsoldat, hatte jedoch als einziger keinen Alkohol am Mann.

Mir war völlig klar, dass ich einer Diskussion mit der Dame möglichst aus dem Weg gehen sollte, denn den rhetorischen Fähigkeiten eines weiblichen Einsteins war ich keineswegs gewachsen. Also beschränkte ich mich auf den Hinweis, dass es sich nicht um Bundeswehrsoldaten handelt. Und wieder schaffte es die Spülmittelmeisterin mich zu verblüffen. Sie sah ihre Chance und versuchte mit einem "Kennen sie das schon?" (dabei auf die ausgestellten Flaschen zeigend) doch tatsächlich dem Captain einige Exemplare ihres wahrscheinlich im hauseigenen Chemielabor selbstgebrauten Spülmittels zu verkaufen. Ein Paradebeispiel moderner Verkaufskunst. Der US-Kamerad schien ebenfalls ziemlich beeindruckt und brachte nur ein zögerliches "Ja" hervor (womit wir wieder beim Thema Fremdsprachen wären). Ich sah mich gezwungen die Situation zu entschärfen und auf fehlende Deutschkenntnisse des Captains hinzuweisen. Der Angriff wurde abermals abgewehrt, dennoch beschlossen wir gemeinsam den Rückzug anzutreten, denn diese Schlacht war für uns nicht zu gewinnen.

Nur eine Woche

Eine typische Woche von mir. Keine Einzelheiten zum Bundleben. Das Wochenende lasse ich größtenteils ebenfalls weg. Was bleibt ist der Rest. Los geht's!

Sonntag

Etwa gegen 2000 bin ich Abreisefertig und werde von meinem Chauffeur, seines Zeichens mein Bruder oder Vater, zum Bahnhof gebracht. Dort laufen mir die schon ersten eben angekommenen Heeresflieger entgegen. Voller Bewunderung schauen sie zu mir herauf und träumen davon, ein Panzeraufklärer zu sein. Wie es sich für eine Diva gehört, würdige ich sie keines Blickes und marschiere zielstrebig Richtung Bahnsteig. Wenige Minuten später kommt mein Zug an. Ein Platz ist immer frei. Ich habe nie gefragt, aber manchmal habe ich das Gefühl, der Zugschaffner sucht sich den gepflegtesten Platz aus und verscheucht die darauf Sitzenden Passagiere, ehe der Zug in Celle ankommt. Die Bahn hat mich lieb. Die Zugfahrt ist nicht weiter erwähnenswert. Soldaten, Studenten und andere Kaputte begleiten mich nach Lüneburg. Wie jeden Sonntag.

Wenn ich meine Station erreiche, ist es meißtens schon dunkel. Genau die richtige Atmosphäre um die Paar Kilometer bergauf zur Kaserne zu laufen. Mit Musik im Ohr vergehen die 25 Minuten wie im Flug und im nächsten Augenblick befinde ich mich am Kaserneneingang. Der Weg vom Wachhäuschen zum Kompanieblock ist ein Erlebnis für sich. Hasen, Eichhörnchen und durch Inzucht verblödete Rehe laufen mir über den Weg, von Menschenscheu keine Spur. Da würde jedem Jäger ein Ei aus der Hose fallen.

Im Block angekommen, packe ich meinen Rucksack aus. Der Inhalt wird im Spind verstaut, während im Hintergrund der Flimmerkasten den Pro7-Blockbuster zeigt. Im Laufe des Abends trudeln die anderen Stubenkameraden ein und kurze Zeit später sind alle Bettfertig. Morgen wird es wieder ernst. Morgen ist Montag.

Montag

0600 Uhr. Der Handywecker klingelt. Ein Faust haut drauf und es ist wieder Ruhe, keiner rührt sich. Das Schauspiel wiederholt sich noch etwa 5-10 Mal, bis gegen 0625 der Erste beschließt aufzustehen. In kurzen Abständen folgen die anderen beiden, wobei sich die Reihenfolge von Tag zu Tag ändert. Ein ungeschriebenes Gesetz besagt, dass sich diese nicht innerhalb einer Woche wiederholen darf. Anziehen, WC beglücken, Zähne putzen, waschen. 20 Minuten vor Dienstbeginn wird der Müll rausgetragen, das Revier gereinigt. Einer der Dienstgradhöheren Mannschaftssoldaten, bevorzugt meine Wenigkeit, macht Vollzähligkeit der Teileinheit. Gegen 0700 ist die Kompanie vollzählig. Es findet ein Antreten statt, im Zuge dessen die wesentlichen Wochenvorhaben benannt, den Geburtstagskindern gratuliert wird und im schlimmsten Fall der erste Anschiss erfolgt. Danach geht man zum Tagesgeschehen über: Sport, NATO-Pause, Waffenausbildung, Mittagessen, Ausbildung, Dienstschluss. So ungefähr kann es aussehen. Danach lässt man den Tag langsam ausklingen. Simpsons, King of Queens, Nachrichten schauen, während man nebenbei am Laptop zockt.
Der Montag ist kein wirklich beliebter Tag und vergeht auch dementsprechend langsam.

Dienstag

Im Grunde ist kein Tag wie der Andere. Manchmal steht überhaupt nichts bestimmtes an und man ist dennoch beschäftigt. Hier und da aushelfen, Fahrzeuge waschen, Müll wegfahren. Der Dienstag ist der unspektakulärste Tag der Woche. Langweilig, öde, uninteressant sind wohl die passendesten Worte diesen zu umschreiben.
Ansonsten unterscheidet sich der Dienstag kaum vom Montag: es ist immer noch Wochenanfang. Die Zeit vergeht viel zu langsam.

Mittwoch

Der Name sagt es schon, es ist die Mitte der Arbeitswoche. Der Tag an sich ist uninteressant, wichtig ist der Abend. Mancheiner geht nach Dienstschluss in den Fitnessraum um auf die Schnelle Paar Muckis anschwellen zu lassen. Mittwoch ist nämlich FUN-Tag. Das "FUN" ist eine berühmt-berüchtigte Lokalität in Lüneburg. Eine beschissene Diskothek mit noch beschisseneren DJs. Mittwochs wird sie bevorzugt von Soldaten und NATO-Matratzen besucht. Eigentlich eine ideale Mischung, welche jedoch durch die Tatsache, dass es von letzteren anscheinend nicht genug gibt, teilweise höchstbrisant werden kann. Der Alkohol tut sein Übriges, so dass es ab und an blaue Flecken, blutende Nasen, ausgeschlagene Zähne und gebrochene Knochen gibt. Ein FUN-Besuch hat schon so manche Soldatenkarriere beendet. Letztendlich findet hier sowas wie eine natürliche Auslese statt: wer sich nicht beherrschen kann, fliegt und wer fliegt, den kann man eh nicht gebrauchen. Ein schönes Prinzip.
Der Mittwoch ist wohl einer der kurzweiligeren Tage der Woche. Die Zeit vergeht angemessen schnell und Abends gibt es Prügelaction live. Herrlich.

Donnerstag

Wie nach jeder Sause ist am nächsten Tag Katerstimmung angesagt. So Mancher wacht Donnerstags mir roten Augen, einem toten Tier auf der Zunge und nach Urin stinkenden Klamotten auf. Das macht den Dienst nicht angenehmer. Die Devise für den heutigen Tag lautet: Klappe halten und möglichst nicht auffallen. Dises Vorhaben kann durch Vorgesetzte, deren Nacht ähnlich verlaufen ist, begünstigt werden. Schlimmstenfalls gerät man pflichtbewusste Vorgesetzte, die den Abend zu Hause mit Familie verbracht und dementsprechend keinen Spaß gehabt haben. Mit etwas Glück belassen sie es bei einer Verwarnung. Wer keinen Draht zu Fortuna hat, wird weggesprengt und muss einen mehrseitigen Aufsatz zum Thema "Soldatenpflichten" oder Ähnlichem schreiben. Dafür ist aber Donnerstag der Tag vor Freitag, und Freitag beginnt bekanntlich schon das Wochenende. Für ganz Harte, geht dieser Tag aber ebenfalls erst Abends los, denn da ist Party im "Vamos", einer Studentendisko, angesagt. Nachdem was man so hört, weniger schlimm und entsprechend weniger problematisch.
Von den Morgenstunden abgesehen, vergeht der Tag recht flott.

Freitag

Freitags wacht man gerne auf. Der Tag ist zu kurz um großangelegte Ausbildungsvorhaben umzusetzen. Am Freitag wird meißtens nachbereitet. Ausrüstung, Fahrzeuge, der Kompanieblock, alles was im Laufe der Woche benutzt wurde wird gereinigt. Gegen 1130 gibt es dann Dienstschluss. Vor der Kaserne stauen sich die Taxen, die die Soldaten zum Bahnhof fahren um dann mit Vollgas wieder Richtung Kaserne zu düsen. Da mein Zug eh erst gegen 1300 fährt und Bewegung gesund ist, gehe ich zu Fuß. Die Zugfahrt dauert etwa 40 Minuten. Von "Preußens Gloria" begleitet rollt der IC langsam in den Bahnhof ein. Schon jetzt säumen Zivilisten die Bahnstege und werfen dem Zug Blumensträuße zu. Frau Merkel erblickt mich ebenfalls. Ihr Gesichtsausdruck spricht eine deutliche Sprache: sie stellt fest, dass der Zug etwas früher als geplant zum Stehen kommen und sie sich dann zu weit entfernt von der Ausstiegstür befinden wird. Ganz unverhofft setzt sie zum Sprint an, schubst die ihr den Weg versperrenden Passanten zur Seite, kickt das auf dem Boden krabbelnde Kind in die Büsche und springt agil wie eine afrikanische Antilope an einem 350 Pfund-McDonald's-Fan vorbei. 'American Football ist ein Fliegenschiss dagegen' ist mein erster Gedanke. Sie will mir als Erste die Hand schütteln, keine Frage. In der Politik ist Prestige das A und O. Plötzlich ist es soweit. Der Zug steht. Man hört das Zischen der entweichenden Druckluft. Leb wohl freundliche Fahrscheinkontrolleurin. Mach's gut mobiler Kaffeverkäufer. Ich muss gehen. Die Wagontür wird aufgerissen. Angela streckt mir ihre Hand entgegen und will mir für meinen vorbildlichen Einsatz danken. Noch bevor sich unsere Hände berühren wache ich schweißgebadet auf.

"Verehrte Fahrgäste, in wenigen Minuten erreichen wir Celle" ertönt aus den Lautsprechern. Im Grunde genommen sind wir schon in Celle, aber macht nichts, Timing war noch nie eine Stärke der Bahn. Den Bahnhof auch nur als annähernd voll zu bezeichnen wäre eine Lüge, die den BILD-Anwälten Tränen des Glückes in die Augen treiben würde. Frau Bundeskanzler ist ebenfalls nicht anwesend. Und zu allem Überfluss muss ich auch noch zu Fuß nach Hause latschen. 25 Marschminuten später bin ich daheim, ziehe das grüne Karnewallskostüm aus und betrachte mich bis Sonntag Abend wieder als Zivilisten.

Den Part zwischen Freitag-Mittag und Sonntag 1900 habe ich bewusst ausgelassen, das ist eine andere Geschichte. Ansonsten läuft so oder so ungefähr meine Arbeitswoche ab. Nicht besonders aufregend, aber wer weiß, vielleicht bricht Morgen der große Krieg aus und dann habe ich Euch auf jeden Fall etwas voraus.

Impressum